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Merkwürdigkeiten eines Praktikanten

Roman Janda

Mit einer Bewohnerin auf Spaziergang entstand zwischen uns ein Schweigen. Keiner wußte etwas zu sagen und so gingen wir trotzdem dahin, irgendwo kommt man ja immer an. Schließlich bricht die Bewohnerin, ein wenig enttäuscht über diese unnütze Aktion (?), doch die Stille, und fragt direkt: "Erzähl mir was aus Deinem Leben." Wie so oft, überfordert und erstaunt, wußte ich nicht was antworten. Es war eine zu große Frage für mich. Zu viel ging mir da durch den Kopf. Was hat mein Praktikum mit meinem (Privat)leben zu tun? Was tue ich hier eigentlich ? Wie kann sich jemand, den ich kaum kenne für mein Leben interessieren ? Ja, was fällt ihr eigentlich ein, ein Stück meiner Intimität (oder was ?) zu fordern ? Derart überspitzt, glaube ich, verweist dieses Problem auf einen wichtigen Aspekt der Arbeit im Weglaufhaus. Wie und was lernen und erfahren die BewohnerInnen eigentlich im Wegalufhaus und wie ist man als MitarbeiterIn/PraktikantIn und (Privat)Mensch darin verstrickt ?

Im Folgenden entfalte ich diese Frage ein wenig anhand von drei Beispielen. Sie markieren alle drei Begebenheiten in denen ich an verschiedene (mir eigene) Grenzen geraten bin.

"Geliebter...

Als Esin ins WLH kam hatte ich Dienst und so machte ich beim Aufnahmegespräch mit. Esin erzählte uns ihre Situation, daß sie von ihrem gewalttätigen Ehemann weggelaufen war, ihre Kinder zurückgelassen hatte, die sie sehr vermisste, und als Türkin ohne Ausbildung, Schwierigkeiten hatte, sich eine neue Existenz aufzubauen. In den folgenden Tagen und Wochen lernte ich Esin besser kennen, sie erzählte (mir) viel, ich hatte keine großen Schwierigkeiten mich einzufragen und konnte ihre Situation halbwegs einschätzen. Ihre Vorstellungen waren klar und widersprüchlich, ihre Situation war es auch. Esin brachte nicht nur ihre Trauer und Verzweiflung, sondern auch ihren Lebensmut und Humor, mit ins Haus. Ich mochte Esin. Ich mochte Esin und das war gut so. Nicht nur weil ich ihr dann gut zuhören konnte oder ähnliches, sondern einfach so. Schwieriger wurde es ab dem Zeitpunkt, als Esin begann mir Liebeserklärungen zukommen zu lassen und die Geheimhaltung derselben wünschte. Einerseits fühlte ich mich geschmeichelt, andererseits war ich freilich ganz woanders. Mein Einbringen des Ganzen ins Team brachte mir wiederum Zorn von Esin ein, genauso wie meine ständigen Ablehnungen ihrer Angebote. Das Team aber, war trotzdem meine Rettung, dort bekam ich gute Unterstützung und Ideen, um meine Haltung halten zu können. Also eindeutiges Klarstellen meiner Position Esin gegenüber, daß ich ihren Wunsch nicht erwidern kann und will. Und gleichzeitig aber, zeigen was auch der Fall war, nämlich dass es okay ist, wenn sie diese Wünsche und Gefühle hat. Thilo aus dem Team meinte sogar, daß es durchaus auch gut sei, wenn sie so eine Erfahrung im Weglaufhaus machen könne. Das half mir sehr, die anstrengende Gradwanderung zwischen Respekt und Distanz, zu über-stehen. Und doch. Über Wochen sah ich mich in ein Bad von Bewunderung, Verführung, Vorwürfen und Entschuldigungen getaucht, in die es Esin verstand meine vertretene Position, meine Unsicherheit, etc., mit einzubeziehen. Kurz gesagt, sie ging auf mich ein. Dies alles hatte nun aber freilich, trotz meiner ach so standhaften Haltung, seine Wirkung. Irgendeine Wirkung. Und... und ich wurde mürbe. Während ich meine Position nach aussen hielt (d.h. vielleicht zu wenig auf Esin einging), ver-rückte sich innen etwas. "Sind meine Gefühle Esin gegenüber doch nicht so klar wie ich tue ? Hatte ich sie da und da nicht doch (zu) bewundernd angeschaut ? Schafft sie es nicht doch auch mich irgendwie zu reizen ? Was denkt das Team eigentlich über diese Geschichte ? Was denke ich ? Gibt es nicht die Regel, die praktizierte Liebesbeziehungen zwischen BewohnerInnen und MitarbeiterInnen/PraktikantInnen im Haus aus-schließt, die ich selbst als sinnvoll erachte ? Aber wenn ich schon über diese Regel in diesem Zusammenhang nachdenke, ist das nicht das sichere Zeichen dafür, dass da doch mehr ist ? Oder stellen sich mir diese Fragen nur deshalb so, weil es diese Regel gibt ?" Aus einem ein-fachen Mögen war in Anbindung an eine ausschließende Regel eine komplizierte Bedrohung für meine Rolle als Praktikant erwachsen. Derart eingespannt konnte ich mir auch gar nicht über meine "echten" Gefühle o.ä. im klaren werden, was wiederum meine Haltung nach Außen verstärkte. Mein Selbstbezug war in diesem Punkt, über die Einsicht in die Vermitteltheit meines eigenen Seins und Handelns durch gesellschaftliche Verhältnisse, Regeln und Strukturen, in gewisser Weise suspendiert. In dieser Unent-scheidbarkeit blieb es bis zu meinem glücklichen Praktikumsende. Glücklich deshalb, weil die Sache für meine Begriffe trotzdem gut ging. Sie ging deswegen gut, weil das Team an mich glaubte (glaube ich zumindest) und ich an das Team glaubte, daß es an mich glaubte. Wohlgemerkt, ich glaubte in diesem Punkt nicht an mich! Es war wie eine Leer-Stelle, die nicht angetastet werden durfte. Und der Glaube des Teams an mich, drückte sich genau darin aus, dass niemand das zum Thema machte. Zusammengedacht ergibt das natürlich ein höchst fragiles Gebilde. Was, wenn nur durch einen dummen Zufall ein Verdacht aufgekommen wäre? Hätte das nicht dieses Glaubenssystem zum einstürzen bringen können ?

Ich entwickele dieses Dilemma nicht nur weil ich glaube, dass derartige Unsicherheiten öfters auftreten können (wieviele notwendige Regeln gibt es noch ?) und die Praxis im WLH von Innen bedrohen können, sondern auch um zu fragen, ob und wie ich/man das anders denken/machen/lösen könnte. Das Problem freilich, das klar geworden sein sollte, ist, dass in dieser Vertracktheit ein das Problem-Ansprechen, den Lösungsversuch vielleicht selbst boykottiert hätte. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Oder, oder und, wie schafft man es, erst gar nicht in ein derartiges Dilemma hineinzukommen?

...Faschist...

Peter, das Sonnenkind, hatte seine poetische Ader im Lesen und Erzählen von Märchen entfaltet. Dabei hatte er eine besonders schöne Art und Weise gefunden, einem eine Wahrheit so direkt und verzwickt zu präsentieren, daß man kaum wußte, was geschweige denn wie zu antworten. Schließlich "macht der Ton ja die Musik" oder "was nicht geht wird geschoben, oder wie ?"

So ähnlich muss es mir dann wohl auch ergangen sein : Wir hatten uns, über etwas konkretes -Zigaretten oder Geld (?)- unterhalten. Unsere Worte hatten ihre jeweiligen Eigenheiten und waren nicht immer kompatibel. Peter sprach eher blumig, ich komisch abstrakt. Plötzlich sah ich mich in eine merkwürdige Position gerückt, in der ich mich ziemlich unwohl fühlte. Peter redete auf mich ein, nicht agressiv, aber doch gewaltig. Ich sah, wie er kämpfte, nicht gegen mich, sondern für etwas, für sich. Das war sehr spannend und interessant ! Irgendwie verstand ich in seinen Worten, die an sich mein Denken überbordeten worum es ihm ging, und sah mich aber zugleich in die Position eines "Schuldigen" versetzt, falls ich mich denn nicht in einem Maße zurücknehmen wollte, das für mich unakzeptabel schien. Zwischen meinem Verstehen-Wollen und meiner eigenen materiellen Bedingtheit (?) hatte sich eine Kluft aufgetan, die mich lähmte. Es schien für mich keinen Ausweg zu geben. Ich blieb hart, Peter redete auf mich ein und so-wie ich da stand, nichts ausführendes sagte noch tat, hatte Peter Recht. Er hatte Recht, das hatte ich selbst noch während meines da-stehens mitgekriegt, was die Sache noch schwieriger machte. Zwischendurch war sogar auch das Wort "faschistisch" gefallen, aber das war mir dann auch nicht mehr so wichtig. Ich war an die Grenzen meines Verstehens und Handelns geraten, und wußte nicht was ich mit dem Erlebten anfangen sollte, v.a. weil ich es in meinen Worten und Gedanken nicht fassen, ausdrücken oder gar nachvollziehen konnte. Und doch gab es unterschwellig (unter oder über der Schwelle meines Verstandes) etwas, das mir die Dringlichkeit des Konfliktes signalisierte (meine "Schuld"?).

Während dieses Dienstes wollte ich mich dem Konflikt nicht nochmal aussetzen. Die Mitarbeiter konnten mir auch nicht weiterhelfen, weil ich das Erlebte gar nicht adäquat wiedergeben konnte. Die kommende Nacht schlief ich schlecht und so beschloss ich am nächsten Tag mit Peter zu reden, mich ent-schuldigen, bzw. fragen, ob eine Entschuldigung überhaupt angebracht sei. Schließlich finde ich selbst, die Kategorien von "Recht und Schuld" unpraktisch, und außerdem waren es wir beide gewesen, die mich, unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen, in die Position eines "Schuldigen" manövriert hatten.

Peter antwortete prompt: "Du brauchst Dich nicht entschuldigen, ich habe ja gesehen, was Du (nicht)gemacht hast." Das nahm zwar die Last einer Schuld von meinen Schultern, disqualifizierte mich aber gleichsam als Gesprächspartner. Ich beharrte ein wenig und hatte Glück. Peter erklärte mir, wie eine (Nicht)Bewegung von mir auf ihn wirkte, und wie dabei so etwas wie "einen mit'm Arsch anschauen" herauskam. Trotz dieser harschen Worte konnte ich seine Kritik besser annehmen und ihm etwas entgegnen, meine Position in der Diskussion war eine andere geworden. Vor allem aber erahnte ich nun, welche Ansprüche Peter selbst hatte. Sie waren mir teilweise sogar sehr sympathisch. Von Faschismus war nun auch keine Rede mehr gewesen, und die Frage von Recht und Schuld stellte sich auch nicht mehr. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich Peter besser begegnen, ihn auch mal mit seinen eigenen Ansprüchen konfrontieren. Ob ihm das etwas gebracht hat vermag ich nur zu hoffen, für mich war diese Auseinandersetzung auf jeden Fall ein Erfolg. Ich hatte etwas über mich, unsere Welt und Peter gelernt.

... Du machst mir Angst."

Die Stimmung im Haus war brenzlig. Es hatte sich einiges hochgeschaukelt. Die Mitarbeiter hatten alle Hände voll zu tun. Berta ging es schlecht, sie machte auf sich aufmerksam. Auch vom Sich-Schneiden war irgendwie die Rede.

Obwohl Berta schon seit längerem im WLH wohnte, hatte ich eher wenig mit ihr gesprochen oder sonstwie zu tun gehabt. Wir kannten uns wenig. Aus einer Übergabe "wußte" ich, "Berta schneidet sich immer(?) tief ". Was tun ? Ich versuchte zuzuhören und zu erfragen, was denn jetzt so bedrohlich hochkam oder wirkte. Doch scheinbar war jeder Versuch "Es" zu konkretisieren oder gar auszusprechen unmöglich. Berta rang mit sich selbst und ich war keine große Hilfe. "Es" war wohl zu groß. Und meine Art des Ernstnehmens, des Fokusierens, machte es auch nicht kleiner. Vielleicht hätte ich lieber Ab-lenken sollen, (eine andere Realität auf-machen und anbieten ), Tee Trinken oder Spazierengehen vorschlagen. Stattdessen hatten wir uns also verrannt und blockiert. Berta hielt es nicht mehr aus und ging zurück auf ihr Zimmer. Sie ließ mich mit meiner Angst um ihre bald aufgeschnittenen Arme zurück. Ich ging also hinterher, klopfte an ihrer Tür, nörgelte und wollte sie nicht alleine oder in Ruhe lassen. Schliesslich machte sie denn, schon etwas genervt, auch auf und präsentierte mir ihre bereits vorbereiteten Taschentücher und ein Handtuch. Es ergab sich eine unangenehme(?) Ver-handlung, die sich in etwa um die folgenden Positionen strukturierte. Berta: "lass mich in Ruh"; ich: "nur wenn Du mir versprichst Dir nichts anzutun oder mir die Rasierklingen gibst." Nichts schien einen annehmbaren Ausweg zu bieten und Berta flüchtete aus dem Haus. Ich lief hinterher und war nun wirklich besorgt. Sie sprach jetzt auch gar nicht mehr mit mir. Was ging in ihr vor ? Wie war sie drauf ? Was könnte erst alles draußen passieren ? Lief sie nun "nur" vor mir weg, oder war "Es" mit mir derart angewachsen, daß sie sich jetzt erst recht etwas antun würde ? Für mich gab es kein zurück mehr, ich wollte sie nicht einfach "laufen lassen" nachdem ich ihr gezeigt hatte, daß ich sehr wohl um ihre Not wußte. Wäre für sie dann nicht erst recht der Eindruck entstanden, daß es ja eh keinen Unterschied macht und es niemanden schert was aus ihr wird ? Gleichwohl kam mir die Idee einfach nur bei ihr zu bleiben, sie zu "begleiten", auch nicht in den Sinn,-- ich glaube aus Angst ! ( Angst um Berta oder Angst vor Verantwortung ?) Was wenn sie losläuft ? Was ist mit diesen vielen Autos ? Und wie automatisch und fast ohne es zu entscheiden hörte ich mich sagen: "Berta, ich hab zu große Angst, daß Du dir etwas antust. Wenn Du nicht mit mir ins Haus zurückkehrst rufe ich die Polizei!" Jetzt reagierte sie endlich und rief "Man hey, kann man denn nicht mal in Ruhe Spazierengehen?" und kehrte um. Ich war erleichtert. Nicht nur gingen wir zurück ins Haus, ich glaubte auch an ihrer Reaktion erkennen zu können, daß die Situation vielleicht weniger brenzlig war, als ich es befürchtet hatte. Im Haus gingen wir in die Küche, wo glücklicher Weise ein anderer Bewohner saß. Berta zog nun im Gespräch mit ihm über mich her und ich zog mich lieber zurück. Das Thema war ein anderes geworden und die akute Situation, soweit sie für Berta denn überhaupt bestanden hatte, schien erstmal abgewendet.

Was blieb? Nicht nur ein Gefühl uns beide in eine vielleicht unnötige Situation manövriert zu haben. Nicht nur ein schlechtes Gefühl diese Situation nicht sehr elegant gelöst zu haben, um nicht zu sagen nur durch Erpressung (Wo führt Ernst-Nehmen zu Gewalt?). Dieses Gefühl verblieb auch noch nach der Bestätigung von Berta, mit der sie mir klar machte, daß sie meinen Einsatz schon verstanden habe, und ich also "trotzdem ganz okay" sei. Nein, das ganze Debakel wirft auch noch die Frage auf, ob Berta daraus nicht gelernt hätte, in Zukunft, wenn es ihr wirklich schlecht gehen würde, lieber nicht auf sich aufmerksam zu machen. Oder allgemein formuliert, wie geht man ernsthaft mit Ankündigungen von Selbstmord um, ohne die Gründe, die für selbigen sprechen, derart anzuerkennen, daß die Lage hierdurch noch zugespitzter zu einem Entweder-Oder, einen Selbstmord sogar noch plausibler macht?

Roman Janda war 1999 Praktikant im Weglaufhaus Berlin und ist seit 2001 Mitarbeiter von Support


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Letzte Aktualisierung am 01.05.2008
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