Ingeborg-Drewitz-Preis 2004

Am 12.12.2004 erhielt das Weglaufhaus »Villa Stöckle« den Ingeborg-Drewitz-Preis des Berliner Landesverbandes der Humanistischen Union für sein Engagement für die Selbstbestimmung von Psychiatrie-Betroffenen.


Begründung der Vergabe des Ingeborg-Drewitz-Preises an das Weglaufhaus »Villa Stöckle«

Roland Otte, Vorsitzender des Landesverbandes Berlin der Humanistischen Union

Die Humanistische Union würdigt heute ein antipsychiatrisch orientiertes Projekt. Auf den ersten Blick mag das widersprüchlich erscheinen. Die Humanistische Union sieht sich in der Tradition der Aufklärung, setzt auf Vernunft, streitet für eine rationalere Politik. Hat die neuzeitliche Betonung von Rationalität nicht aber auch immer eine Kehrseite gehabt? Führte die Unterscheidung zwischen rational und irrational nicht auch zur Abwertung, Ausgrenzung, sogar zwangsweise Behandlung von Menschen, die den Ansprüchen von Rationalitätsklerikern im wissenschaftlichen Gewand nicht genügten?

Allerdings ist Rationalitätskult nicht das Geschäft der Humanistischen Union. Als Bürgerrechtsorganisation steht für uns die Achtung der Menschenwürde im Mittelpunkt. Daher wenden wir uns gegen jede unverhältnismäßige bzw. vermeidbare Einschränkung der freien Entfaltung der Persönlichkeit. Ein aufmerksames Auge hat die Humanistische Union immer auf Institutionen geworfen, in denen die Selbstbestimmung gefährdet oder gar nicht mehr möglich ist. Mit dem Thema Psychiatrie hat sich die Humanistische Union immer wieder kritisch und konstruktiv auseinandergesetzt, erstmals 1979 mit einem Kongress zur Psychiatriereform.

In dem Beharren auf Selbstbestimmung treffen sich Bürgerrechtler und Psychiatriekritiker, Habermasianer und Foucaultianer. Mit theoretischen Debatten allein ist Menschen in psychischen Krisen noch nicht geholfen. Konkrete Hilfe bietet das Weglaufhaus »Villa Stöckle«, das wir heute auszeichnen wollen.

Das Weglaufhaus bietet Menschen in Krisensituationen einen Schutzraum, der es ihnen ermöglicht, ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Es gewährt Menschen Zuflucht vor Obdachlosigkeit und vor einer psychiatrischen Behandlung, die sie als bevormundend erfahren. Das Weglaufhaus setzt sich also nicht einfach nur abstrakt für die Selbstbestimmung ein, sondern ganz konkret in der Umsetzung.

Das Weglaufhaus zeigt tagtäglich, dass ein Ansatz möglich ist, der bewußt verzichtet auf eine Einteilung der Menschheit in »Kranke« einerseits und »Gesunde und Experten« andererseits. Uns beeindruckt die Offenheit mit der das Weglaufhaus neue Wege geht, Altes immer wieder in Frage stellt, Neues ausprobiert und im Team auch kontrovers diskutiert.

Die erfolgreiche Arbeit des Weglaufhauses wirft Fragen auf, die von nicht zu unterschätzender gesellschaftlicher Bedeutung sind: Wer kann bestimmen, ab welcher Abweichung von Rationalitätsnormen die Selbstbestimmung eingeschränkt werden kann? Wie sind die Menschenrechte noch geschützt, wenn gar die Fähigkeit zur Selbstbestimmung bestritten, der erklärte Wille von Menschen ignoriert wird?

Diese Fragen müssen wir uns immer wieder stellen, um Ausgrenzungen und Verletzungen der Menschenwürde zu vermeiden. Wahrscheinlich gibt es keine Patentlösungen. Um so wichtiger ist es, immer wieder genau hinzusehen, was – insbesondere unter zunehmendem Kostendruck – in der Psychiatrie geschieht und nach Alternativen zu suchen. Es gilt zu vermeiden, dass Menschen gegen ihren Willen psychiatrisch behandelt werden, weil sie »anders« und der Gesellschaft zu anstrengend sind.

Verrücktheit gehört zur Menschlichkeit dazu. Nicht nur irren ist menschlich, sondern auch das Irre-Sein. Vor allem aber ist die Frage, wer oder was irre ist oder gemacht wird, eine Frage der Perspektive, der gesellschaftlichen Umstände und auch der Zeit. Unmenschlich waren und sind oft die Konsequenzen, die mit Diagnosen verbunden werden – vor allem dann, wenn Behandlungen gegen den erklärten Willen der Betroffenen erfolgen.

Wir vergeben in diesem Jahr den Ingeborg-Drewitz-Preis zum siebten Mal und erstmals nicht an eine einzelne Person, sondern an eine Organisation. Viele Menschen haben sich für das Weglaufhaus und im Weglaufhaus engagiert, und viele Einzelne hätten den Preis verdient. Hier eine Person herauszugreifen, wäre aber dem besonderen Charakter des Weglaufhauses nicht gerecht geworden. Was das Weglaufhaus auszeichnet, ist auch seine demokratische Arbeitsweise. Das kritische Verhältnis des Hauses zu Autoritäten und Hierarchien findet sich in seiner eigenen Struktur wieder. Und diese Struktur ist keine starre, unter dem Dach des Weglaufhauses gibt es viel Lebendigkeit, Auseinandersetzung, Vielstimmigkeit. Auch das hat uns imponiert, und auch das wollen wir im Rahmen der heutigen Preisfeier würdigen.

Einer derjenigen, die eng mit dem Weglaufhaus verbunden sind, ist Peter Lehmann. Er war Gründungsmitglied des Weglaufhauses, ist Autor und Verleger und Vorstandsmitglied mehrerer Vereinigungen, die sich kritisch der Psychiatrie auseinandersetzen. Wir freuen uns, dass er heute die Laudatio halten wird.


Laudatio von Peter Lehmann


Glückwünsche von Freundinnen und Freunden des Weglaufhauses

Psychiatrie-Selbsthilfe Saarland:
Der LVPE Saar gratuliert herzlich dem Weglaufhaus Berlin zur Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Preises der Humanistischen Union Berlin am 12. Dezember 2004.

Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg:
Der Vorstand des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg freut sich mit euch und gratuliert herzlich.
Mit lieben Grüßen
Uschi Zingler, Vorstandsvorsitzende

Landesverband der Psychiatrie-Erfahrenen Rheinland-Pfalz:
Wir vom LVPE RLP wollen Euch herzlich gratulieren – ich finde, Ihr habt es verdient!! Auch herzlichen Glückwunsch an die Gründer!
Franz-Josef Wagner, LVPE RLP, Trier

Mira, »MeTZelf«, Niederlande:
Many congratulations for winning this year’s Ingeborg-Drewitz-Prize! I am well deserved.
Mira, chairman

Harold A. Maio:
Gratulationen aus Amerika! Harold

David Webb, Australien:
Hello Runaways,
I’ve just heard about the human rights award that you won. That is so wonderful. Congratulations from all of us here in Australia who hope that one day we might have a Runaway House, too.
Best wishes – David Webb (and Batty and all her friends)

Don Weitz, Toronto, Kanada:
Dear Ludger Bruckmann and Weglaufhaus – Berlin Runaway-House, My sincere congratulations for winning this year’s Ingeborg-Drewitz Prize. I wish we had a runaway-house in Toronto and all other major cities in Canada, because this housing is desperately needed for thousands of homeless and inadequately-housed psychiatric survivors struggling to avoid or escape psychiatric incarceration (involuntary committal), struggling to survive in rundown rooming houses and disease-ridden shelters, struggling to survive on the street. I wish I had visited your runaway-house when I was in Berlin briefly in May 1998. It’s wonderful to know that you have established a humane and empowering housing alternative to the psychoprisons. Perhaps this fact will help inspire other psychiatric survivors and social justice activists to start runaway houses in Canada. Thanks for standing up for psychiatric survivors and their human rights.
Best wishes,
Don Weitz, antipsychiatry activist

Mary Maddock:
Congratulations to everyone to do with the Runaway House. Hope we will all be inspired by your great example and that more and more of these fantastic houses will mushroom all over the world especially where psychiatrc drugs are so prevalent. May you keep up the good work for a long time to come and increase and multiply.
Yours in spirit,
Mary Maddock

Prof. Dr. Kostas Bairaktaris, Athen:
Gratulationen zur Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Preises.
Ich wünsche Ihnen allen weiterhin viel Kraft und frohe Weihnachten.

Andreas Kohlhage, Verleger, Köln:
Liebes Villa-Stöckle-Team,
anlässlich der Preisverleihung – aber nicht wegen des Preises – einen herzlichen Glückwunsch.
Glück wünschen wir für die Arbeit – gut ist die Arbeit eh.
Glück wird das Weglaufhaus auch weiterhin brauchen. Vielleicht kann der Preis dabei helfen, dass es die Villa Stöckle so vielleicht in Zukunft etwas leichter, will sagen: etwas weniger schwer haben könnte (?!).
Andreas Kohlhage

Eine Psychiatrie-Erfahrene aus Waiblingen, Baden-Württemberg:
Liebe Villa-Stöckle-Gemeinschaft,
sehr herzliche Glückwünsche zu eurer Auszeichnung für das besondere Eintreten für Menschenrechte in Berlin mit der Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Preises.
Viele Grüße aus Baden-Württemberg

Beverly Mills, Sunderland, England:
Hi Everyone
I just heard from Peter Lehmann that you won the Ingeborg-Drewitz prize – I just wanted to say congratulations – I visited weglaufhaus when I was co-chair of ENUSP.
Best wishes
Bev Mills,
Deputy Director User Empowerment, Mental Health Matters, Avalon House St Catherines Court, Sunderland Enterprise Park

Greg White, Cork, Irland:
Congratulations on your award
from Cork Advocacy Network…
greg white
chairperson

Eine »Patin« des Weglaufhauses, München:
Liebes Weglaufhaus-Team,
ich gratuliere sehr herzlich zu dem tollen Preis und freue mich für und mit euch über diese Anerkennung!!
Eure Arbeit ist super und ungeheuer wichtig – weiter so!!!!!!!!!!!
Viele Erfolg und jede Menge Spaß morgen auf der Feier
wünscht N. aus München

Prof. Wolf-Dieter Narr, Berlin:
Liebe Leute vom Weglaufhaus,
(…) Nicht nur freut mich der Preis fürs Weglaufhaus und seine insgesamt gute Arbeit gerade mit all ihren Problemen. Vielmehr freut mich auch der Name der Preisträgerin. Ich habe Ingeborg Drewitz noch gut gekannt und hätte auch sie gerne noch mitgeehrt.
Ich benutze die Gelegenheit, um zum einen zu betonen, für mich selbstverständlich, dass ich nach wie vor der Sache des Weglaufhauses, die vor allem um Personen in ihrer Individualität geht, unverändert verbunden bin. Sollte ich irgendwie helfen können, bitte melden Sie sich, meldet Euch.
Gerne würde ich einmal mit Euch zusammenkommen, wenn es dazu eine sinnvolle Gelegenheit gibt. Vielleicht rundum irgendeine Problemdiskussion, woran ich mich gerne auch eventuell als Referent beteiligen könnte.
Gleichviel. Ich bedaure, die Preisverleihung versäumt haben zu müssen, gratuliere nachträglich zum Preis und bleibe in alter Verbundenheit mit allen guten Wünschen und Grüßen
Wolf-Dieter Narr

Eine ehemalige »Patin« des Weglaufhauses, Hannover:
Liebe »Wegläufer/innen«,
ich freue mich sehr, dass meine »Kollegen/innen« der Berliner HU Ihnen den Ingeborg-Drewitz-Preis verliehen haben. Damit bin ich einverstanden, auch wenn ich sonst von den Berliner Verhältnissen und möglichen anderen – weiteren? – Preiswürdigen nichts weiß.
(…) Damit steht auch fest, dass ich die für einige Jahre geleistete finanzielle Unterstützung des so wichtigen – und immer noch einmaligen? – Projekts nicht wieder aufnehmen kann. Denn ich habe nun erhebliche persönliche Mehrausgaben: Medikamente, Physiotherapie, Taxi statt Straßenbahn… bei längst reduzierten Ruhestands-Einnahmen. Und daher habe ich auch längst kein Recht mehr auf laufende Informationen von Ihnen. Aber gefreut habe ich mich zu lesen, dass die Arbeit weitergeht und anscheinend inzwischen jedenfalls einige Verwaltungs-Mitarbeiter mitziehen. Und so habe ich Hoffnung, dass meine Wünsche für weiteres Bestehen und erfolgreiche Arbeit nicht in den Wind gesprochen sind.
Herzlichen Gruß

Eine Spenderin des Weglaufhauses, Berlin:
Sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für die freundliche Einladung zur Auszeichnungsveranstaltung. Sehr gerne wäre ich gekommen. Doch leider ist es mir nicht möglich, bei Dunkelheit noch im Straßenverkehr zurecht zu kommen. (…)
Aber wie gerne wäre ich zum Tag der offenen Tür bei Ihnen erschienen und hätte ihr wunderbares Projekt näher kennengelernt. Ich wäre sehr dankbar, wenn ich bei einem nächsten Offenen-Tür-Tag eine Einladung dazu erhielte, ich bekam leider noch niemals eine! Besonderen Dank für Ihre Vorhabensübersicht. Auf zwei Seiten ist sehr gut zusammengefasst, was alles ist und sein wird. Und man kann Ihnen nur von Herzen wünschen, daß alles gelingen möge und der Senat nicht aus Geldmangel die Hand ganz von Ihnen abzieht. Ich denke, Ihre »Gastbewohner« auf Zeit können sich bei Ihnen sehr geborgen fühlen und besser gerüstet ins harte normale Leben hernach eintreten.
(…) Ihr Projekt und Ihre Arbeit und das Schicksal Ihrer betreuten Menschen liegt mir am Herzen.
Alles erdenklich Gute Ihnen allen und natürlich herzliche Gratulation zur Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Preises.
Mit freundlichen Grüßen


Grussworte

Der Regierende Bürgermeister von Berlin
Berlin, im Dezember 2004

Sehr geehrte Damen und Herren,

zur Vergabe des »Ingeborg-Drewitz-Preis« an das Weglaufhaus »Villa Stöckle« gratuliere ich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dieser wichtigen Berliner Einrichtung von ganzem Herzen.

Das Weglaufhaus ist ein würdiger Preisträger für eine Auszeichnung, die nach Ingeborg Drewitz benannt ist. Ebenso wie die Berliner Schriftstellerin, die sich Zeit ihres Lebens mit großem Elan für ihre Mitmenschen engagiert hat, setzt sich auch das Weglaufhaus für in Not geratene Menschen ein. Seit vielen Jahren finden wohnungslose Frauen und Männer, die sich in einer tiefgreifenden psychischen Krise befinden, in der »Villa Stöckle« Schutz und Unterstützung. Hier können sie neue Kraft schöpfen, erfahren Verständnis und Mitmenschlichkeit und werden zur Selbsthilfe animiert. Für ihre verantwortungsvolle Arbeit möchte ich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Weglaufhauses »Villa Stöckle« heute herzlich danken.

Zugleich danke ich dem Berliner Landesverband der Humanistischen Union, der mit dem »Ingeborg-Drewitz-Preis« seit 1987 einzelne Berliner Bürgerinnen und Bürger oder Projekte für ihr besonderes Engagement im Zeichen der Menschenwürde ehrt.

Ihnen allen wünsche ich heute eine schöne Feier zur Würdigung des Weglaufhauses »Villa Stöckle« und all seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Für die Zukunft wünsche ich dieser Einrichtung sowie dem Berliner Landesverband der Humanistischen Union alles Gute.

Mit freundlichen Grüßen

Klaus Wowereit

Dr. Heidi Knake-Werner, Senatorin für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz des Landes Berlin

Grußwort anlälich der Feier zur Verleihung des »Ingeborg-Drewitz-Preises« des Berliner LV der Humanistischen Union an das Weglaufhaus Villa Stöckle, Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V am 12.12.2004

»Die beste Theorie nutzt nichts, wenn sie nicht in Taten sichtbar wird…« hat Ingeborg Drewitz einmal geschrieben. Sie hat es nicht bei diesen Worten belassen, sondern hat hilfebedürftige Menschen besucht und sich um sie gekümmert. Keiner war ihr zu gering, als dass er nicht ihrer Anteilnahme sicher sein konnte.

Wenn heute das »Weglaufhaus« den »Ingeborg-Drewitz-Preis« des Berliner Landesverbandes der Humanistischen Union erhält, dann wird damit eine Einrichtung geehrt, die in genau diesem Sinne handelt: Im »Weglaufhaus« wird Menschen geholfen, die sich in sehr schwierigen sozialen und gesundheitlichen Lebenssituationen befinden.

In dieser Einrichtung werden die Erfahrungen der Betroffenen sowie ihre psychischen, sozialen und kreativen Ressourcen genutzt. Hier steht die Selbstbestimmung der Betroffenen im Mittelpunkt und nicht das Motto: »Wir wissen, was für sie gut ist«. Hier wird der bewusst selbstgewählte Weg des Einzelnen unterstützt, auch in kritischen Lebensphasen eine psychiatrische Behandlung abzulehnen und nach alternativen Wegen gesucht, mit Schwierigkeiten umzugehen.

Das setzt eine hohe fachliche Qualifikation, großes Einfühlungsvermögen und unendliche Geduld der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter voraus. Die hier Tätigen haben das oftmals bewiesen. Sie haben in vielen Fällen eigene Erfahrungen mit durchlebten Krisen und sind somit in der Lage, sich in die Hilfesuchenden einzufühlen und Vertrauen aufzubauen.

Das Angebot des »Weglaufhauses« schließt eine Lücke, denn es stellt für Menschen, die aufgrund ihrer Ablehnung gegen die »klassischen« Angebote der Psychiatrie völlig ohne Hilfe bleiben würden, eine Alternative dar. Ohne Hilfen steht am Ende häufig eine richterliche Zwangseinweisung in die Psychiatrie, in die diese Menschen nie wollten oder sie erhalten gerichtlich bestellte Betreuer, die eine Behandlung oder Einweisung über den Kopf ihres zu Betreuenden veranlassen.

Im »Weglaufhaus« besteht die Möglichkeit, einen anderen, selbstgewählten Weg mit Unterstützung, Verständnis und Ermutigung zu beginnen. Nicht selten konnte auf diese Weise ein langjährig bestehender Kreislauf von wiederkehrenden Krisenauslösern durchbrochen werden.

Auch wenn nach acht Jahren praktischer Arbeit schon viele Skeptikerinnen und Skeptiker überzeugt wurden, so gibt es immer noch fachliche Vorbehalte gegenüber der Herangehensweise des »Weglaufhauses« aus Teilbereichen der Psychiatrie. Ich teile diese Vorbehalte nicht. Und deshalb bin ich über die – letztlich politische – Entscheidung im Jahre 1996 froh, dass dieses Angebot wenigstens im Bereich der Wohnungslosenhilfe angesiedelt wurde.

Ich meine: Das »Weglaufhaus« hat seine Berechtigung! Denn nur wenn eine gewisse Vielfalt von Hilfeansätzen angeboten wird, ist es möglich, Menschen in schwierigen Lebenssituationen oder -krisen zu erreichen. Nur Hilfen, die Menschen freiwillig akzeptieren, bei denen sich die Menschen in ihrer Ganzheitlichkeit angenommen fühlen und wo ihre Eigenkompetenzen erkannt und unterstützt werden, können dazu führen, dass die individuelle Lebenssituation langfristig verbessert wird.

Mit seinem unkonventionellen Konzept, gepaart mit professioneller Arbeit innerhalb bestehender Gesetze und indem es den formalen Anforderungen gerecht wird, bereichert das »Weglaufhaus« die Berliner Angebotslandschaft.

Deshalb bin ich sehr froh darüber, dass die Einrichtung den »Ingeborg-Drewitz-Preis« des Berliner Landesverbandes der Humanistischen Union am »Tag der Menschenrechte« erhält und gratuliere dazu von Herzen. Ich wünsche dem »Weglaufhaus« und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch für die Zukunft viel Erfolg.



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