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Patenschaften für das Weglaufhaus »Villa Stöckle«

Liebe Leserin, lieber Leser,

können Sie sich vorstellen, eine ungewöhnliche Patenrolle zu übernehmen? Ungewöhnlich deshalb, weil es eine Patenschaft für ein Haus ist: das Weglaufhaus »Villa Stöckle« in Berlin.

Das Weglaufhaus »Villa Stöckle« ist ein Zufluchtsort für Menschen in sozialer Not und seelischen Krisen. In der vom Berliner Senat anerkannten Kriseneinrichtung Weglaufhaus »Villa Stöckle« werden Ängste, Sorgen und Hoffnungen akzeptiert, auch wenn sie so ungewöhnlich sind, dass Psychiater_Innen sie als Symptome einer Krankheit abtun und daraus ein Recht auf Zwangsmaßnahmen ableiten. Noch immer ist das Fesseln (»Fixieren«) gängige Praxis in den Psychiatrien. Psychopharmaka, die erhebliche »Neben«-Wirkungen haben, lähmen Gefühle, Energien und Kreativität. Sie führen oft zu einem schmerzlichen Verlust an Lebendigkeit. Das allen Krisen innewohnende Potenzial kann so nicht mobilisiert werden. Daher werden die Bewohner_Innen des Weglaufhauses »Villa Stöckle« dabei unterstützt, Psychopharmaka abzusetzen und andere, selbstbestimmte Wege zu entdecken, mit ihrer Situation zurechtzukommen.

Was passiert im Weglaufhaus?

Die bis zu 13 Bewohner_Innen der »Villa Stöckle« gestalten den Alltag einer Hausgemeinschaft selbst-verantwortlich. Rund um die Uhr sind Mitarbeiter_Innen anwesend und bieten ihre Hilfe in

Form von Gesprächen, Begleitungen zu Ämtern oder Ärzte_Innen, Spaziergängen, Alltagsgestaltung u.v.m. an. Gemeinsam mit ihnen entwickeln die Bewohner_Innen Perspektiven für den Weg in ein selbstbestimmtes Leben in einer eigenen Wohnung oder einer sozial betreuten Wohnform. Bei uns gibt es keine Zwangsmaßnahmen oder verschlossenen Türen, stattdessen gelten Offenheit und Transparenz: Jede/_r kann gehen, wann immer sie oder er will. Akten, Berichte und Notizen sind für die Bewohner_Innen, ohne Ausnahme, einsehbar.

Die Mitarbeiter_Innen haben eigene Erfahrungen mit psychischen Krisen gemacht, die Hälfte von ihnen war selbst von Psychiatrisierung betroffen.

Wie finanziert sich das Weglaufhaus »Villa Stöckle«?

Träger des Weglaufhauses »Villa Stöckle« ist der gemeinnützige und mildtätige Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V. Das erste und bislang einzige Weglaufhaus in Deutschland wird über einen mit der Berliner Senatsverwaltung für Soziales ausgehandelten Tagessatz nach §§ 67 SGB XII (»Hilfe in besonderen sozialen Schwierigkeiten«) finanziert. Durch die intensive Betreuung, die wir anbieten, ist das Weglaufhaus mit einem Tagessatz von 115,49 € im Vergleich mit anderen Obdachloseneinrichtungen teuer. Im Vergleich zu Psychiatrischen Kliniken (170 - 350 €) ist es hingegen ausgesprochen günstig.

Wie ist unsere momentane Situation?

Das Jahr 2009 bereitet sich auf den Jahreswechsel vor. Wie es sich für eine Kriseneinrichtung gehört, geht es auch hier manchmal kriselig zu und man macht sich so seine Gedanken, wie es weitergeht.
Aber wie es sich für ein kleines aber feines Haus gehört, haben wir uns zum Hierbleiben entscheiden und benötigen dafür alle Unterstützung und Solidarität, die man sich nur vorstellen kann. Wie bereits in unserem kürzlich versendeten Spendenaufruf beschrieben, für wahre Hilfe ist es nie zu spät. Eine Spende hilft unseren BewohnerInnen direkt und einer großartigen Idee indirekt!

Wie in all den Jahren zuvor wollen wir Sie über gute und schlechte Zeiten, erfreuliches und unerfreuliches des vergangenen Jahres auf dem Laufenden halten, unsere Spannung teilen und vor allen Dingen gemeinsam für einen Fortbestand des Hauses kämpfen. Für eine Welt, in der psychiatrie kleingeschrieben und im Duden unter „veraltet“ abgehandelt wird!

Im März diesen Jahres machte uns der plötzliche Tod Thilo von Trothas fassungslos. Als Gründungsmitglied hat Thilo von Trotha das Weglaufhaus mit konzipiert, jahrelang für seine Realisierung gekämpft und hier von 1998 bis 2002 auch gearbeitet. Nicht nur seine theoretischen Texte und Impulse, auch sein besonderer Einsatz für Menschen in verrückten Zuständen haben der Antipsychiatrie- und Betroffenen-Bewegung in ganz Deutschland besonderen Vorschub geleistet. Sein Tod machte uns tieftraurig, Thilo war vielen von uns ein sehr, sehr guter Freund. Um es mit Mark Twain zu sagen:“ Trenne dich nie von deinen Visionen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du zwar weiter leben, aber aufgehört haben zu existieren.“ Thilo ist diesem Zitat und seinen 'Visionen' stets treu geblieben. In memoriam.

Ein Rückgriff auf die neuere Geschichte: Am 13. Dezember 2006 wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Konvention zum Schutz der Menschenrechte von Menschen mit Behinderung verabschiedet. Die Konvention präzisiert und ergänzt bestehende menschenrechtliche Standards unter dem besonderen Blickwinkel der Menschen mit Behinderung. Behinderung wird darin als normaler Bestandteil menschlichen Lebens und als Quelle kultureller Bereichung in der Gesellschaft verstanden. Die Konvention fordert von Staat und Gesellschaft die freiheitliche und soziale Inklusion von Menschen mit Behinderung unter dem Aspekt einer bejahenden Vorstellung von Diversität. Unter Mitwirkung unseres Vereinsmitglieds Iris Hölling konnte die deutsche Version der Konvention, die verbindlich für Österreich, Deutschland, die Schweiz und Liechtenstein ist, erarbeitet und übersetzt werden. Die Konvention trat am 26.03.2009 in Kraft.

In diesem Jahr stand auch die Verabschiedung des Patientenverfügungsgesetzes an, welches nach sechs Jahren intensiver Vorarbeit seit dem 1. September 2009 rechtskräftig ist. Danach sind schriftliche Patientenverfügungen für ÄrztInnen und Angehörige verbindlich, unabhängig vom Krankheitsstadium. Dieses Gesetz stellt eine besondere Verbesserung der Lage von Psychiatrie-Betroffenen dar, auch ihre Wünsche zur Behandlung oder Nicht-Behandlung können nun verbindlich gemacht werden! Wir hatten uns ja früher sehr aktiv an der Erstellung und Verbreitung des „Psychiatrischen Testaments“ beteiligt. Seine Erfolgsaussichten blieben immer etwas unsicher. Heute können wir im Weglaufhaus wie auch in unserer Beratungsstelle und der Einzelfallhilfe „Support“ die Erstellung von Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen unterstützen und damit den Betroffenen ein Stück wirkliche Solidarität und Sicherheit vor psychiatrischen Übergriffen vermitteln.

Unser ehemaliger Kollege Dominik Sommer hat dem Weglaufhaus auf unserer Homepage jetzt eine Stimme gegeben: Er konnte dank einer Unterstützung der Aktion Mensch eine Podcastreihe fertigstellen, die durch eine multiperspektivische Sicht gekennzeichnet ist. Hierbei werden Eindrücke, Empfindungen sowie die Einstellung von MitarbeiterInnen und BewohnerInnen dem Weglaufhaus gegenüber zum Ausdruck gebracht. Die Podasts befinden sich auf unserer Website unter www.weglaufhaus.de und können dort abgerufen werden. Es handelt sich dabei um Audiobeiträge, in denen Dominik Sommer die antipsychiatrische Arbeitsweise des Hauses einfängt, Gespräche mit Ex-BewohnerInnen und MitarbeiterInnen führt und - am Beispiel des Rosenhan-Experiments - die Absurdität von Diagnosewahn und psychiatrischer Krisenarbeit aufzeigt.

Kommen wir zum „Stein des Anstosses“ des diesjährigen Jahres, der Darstellung der finanziellen und wirtschaftlichen äußerst desolaten Situation. Seit August dieses Jahres ist eine rasant schlechte Auslastung zu bemerken gewesen. Dies ist insofern ungünstig für uns, da wir über die Belegung finanziert werden. Die Gründe dafür sind uns allen nicht vollends klar und sehr vielfältiger Natur. Einerseits liegt es bestimmt daran, dass aufgrund der rigiden Sparpolitik und teils auch boykottierenden Linie der Berliner Ämter immer kürzere Aufenthalte bewilligt werden und somit selbst bei einer gleich bleibenden BewohnerInnenanzahl eine geringere Auslastung vorliegt.
Selbstkritisch anzumerken ist, dass wir die Werbung im Jahr zuvor etwas vernachlässigt hatten und dies nun zu spüren bekamen. Aus diesem Grunde haben wir reagiert und verstärkt auf eine gute Öffentlichkeitsarbeit gesetzt, um unser Renommee zu erhöhen und auf einen guten Dialog zu setzen. Ein weiterer wenn auch geringfügiger Grund könnte ein stark eingeschränkter S-Bahn-Verkehr der Linie S1 seit August dieses Jahres sein. Wir freuen uns jedenfalls verkünden zu können, dass es gerade so aussieht als wäre das Tief überwunden und hoffen, dass der Aufwärtstrend anhält!
Leider bezieht sich dies nur auf die Auslastung, das finanzielle Loch ist leider immer noch präsent, da unsere Kostenübernahmen immer erst zeitlich verzögert beglichen werden.

Ein Brief, der uns im Juni dieses Jahres ins Haus geflattert ist bereitet uns seither Sorge und beschäftigt uns zeitlich und emotional sehr. Auf Seiten des Senats hat die für uns zuständige MitarbeiterIn gewechselt, und von der nun Verantwortlichen ist eine Überarbeitung der Konzeption als dringend notwendig erachtet worden. Diese ist seitdem Dauerthema geworden, da sich die Einigung auf eine vereinbarungsfähige Konzeption und somit die weitere Leistungsvereinbarung als schwieriger als gedacht herausgestellt hat. Wir merkten hierbei schnell, dass die Luft äußerst dünn und der Spielraum recht eng ist, wenn es um die Behauptung unseres Alleinstellungsmerkmals wie dem antipsychiatrischen Ansatz und unseres Spezialangebots wie der Absetzmöglichkeit von Psychopharmaka und der Reflexion und Bearbeitung traumatischer Ereignisse in der Psychiatrie geht. Der steigende Konformitätszwang als Resultat der neoliberalen Einsparungspolitik ist immer deutlicher spürbar!

Um das Thema Finanzen neu zu gestalten, -beschäftigten wir uns ausgiebig mit der Akquise von finanziellen Mitteln und kamen beim Thema Spendengelder akquirieren auf die Überlegung, wie man es spendenfreudigen Menschen erleichtern kann, an uns zu spenden. Demnächst wird es auch ein Spendenportal als Link auf unserer Website geben.

Infolge unserer derzeitigen Finanzkrise versucht das Team nach Kräften den Versuch mehrerer Praxismodelle zum Thema Organisation der Arbeit, wie z.B. die Einrichtung einer Verwaltungsstelle voranzutreiben. Das kennzeichnet einen Teil der Selbstreflexion, die im Team von statten geht. Wir haben uns mit Fragestellungen wie folgender auseinandergesetzt: mit wie viel Basisdemokratie, Engagement und welchen Einschränkungen kann auf der Basis von Selbtverwaltung aktiven Beschneidungen, die durch äußere oder innere Sachzwänge bedingt sind, begegnet werden und der Grundgedanke unseres Projekts auch weiterhin verwirklicht werden. Hierbei geht es um das Selbstverständnis des Projektes, und seines Gedankenguts, welches aus der antipsychiatrischen Selbsthilfebewegung heraus entstanden ist. Bei all dem spielt das 20jährige Vereinsbestehen mit hinein, welches wir in diesem Jahr erreicht haben. Zeit, Bilanz zu ziehen und zu schauen, wo stehen wir und wo wollten wir hin.

Eine kleine Anekdote erlebten David Wichera und Kathrin Vogel. Bereits im Januar 2008 hielt David Wichera einen kleinen Vortrag in Rom vor einer ausgewählten Zuhörerschaft. Hier wurde ein Mensch aus Italien auf uns aufmerksam. Das Konzept des Weglaufhauses erweckte ein großartiges Interesse und das Vorhaben dafür nach Berlin aufzubrechen. Dafür nahm er – als EU-Ausländer - sogar einen dreimonatigen Vorabaufenthalt in Berlin auf sich, um über eine deutsche Meldeadresse zu einer Wohnmöglichkeit bei uns zu gelangen. Somit erhielt das Weglaufhaus Bereicherung aus Italien. Nicht nur nach Rom, auch nach Berlin führen viele Wege. Nach einem erfolgreichen Aufenthalt ist der Mensch wieder nach Italien zurückgekehrt. Unsere Ideen und Anregungen hat er jedoch mitgenommen und verbreitet diese im Namen der Antipsychiatrie. Ciao, bello, ciao!

Der Trägerverein „Verein zum Schutz psychiatrischer Gewalt e.V.“ hat auch seine Projektanzahl erhöht. Es findet sich eine bunte Auswahl aus antipsychiatrisch orientierter Einzelfallhilfe „Support“, einer Informations- und Beratungsstelle, dem Angebot des Filmforums sowie Entspannungsangeboten wie QiGong etc. Somit wird auch das Vereinsleben immer wieder neu bereichert.

Am 1. Dezember fanden Neuwahlen zum Vorstand unseres Vereins statt. Der Vorstand setzt sich jetzt aus Stefan Bräunling, Dominik Sommer, Kerstin Tiedtke, Michael Frost und Susanne Dzidkowski zusammen. Damit findet eine ordentliche Durchmischung des Vorstandes bestehend aus Aktiven diverser Vereinsprojekte statt.

Liebe Menschen, liebe BefürworterInnen, liebe GestalterInnen von Alternativräumen: Lasst diesem Ort sein Antlitz und uns erhobenen Hauptes der Unbill von Sachzwanglogik, Sparmaßnahmen und politischer Schlechtwetterlage trotzen. Wir verbleiben mit Tatkraft, Energie und Durchhaltevermögen. Dies ist unser Haus. Auch im 21. Jahrhundert wird es ein 21. Jahr geben.

Kathrin Vogel und Dirk Bartel


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Letzte Aktualisierung am 18.04.2010
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